Seit etwa einem Jahr darf ich mich offiziell Schreibpädagogin nennen. Ich habe den Titel auf meine Visitenkarte drucken lassen und er steht auf meiner Webseite. Doch für mich ist die Schreibpädagogik mehr als nur ein Berufsfeld. Sie ist zu einem festen Bestandteil meiner Lebensweise geworden. Sie begleitet mich fast täglich, meistens bewusst, manchmal unterschwellig, fast schon mechanisch.

Aber was ist Schreibpädagogik?
Ich möchte mit einer Definition des Begriffs beginnen, so wie ich ihn sehe. Für mich ist Schreibpädagogik die Auseinandersetzung mit den grenzenlosen Möglichkeiten des individuellen Schreibens: Spielerisch. Kreativ. Achtsam. Ernst. Freudvoll. Experimentell. Autobiografisch. Politisch. Kunstvoll. Gesellschaftlich. Produktiv. Intuitiv. Die Liste kann endlos erweitert werden. Einerseits steht das Erleben des eigenen Schreibprozesses im Mittelpunkt: Was fühle ich, wenn ich schreibe? Wie gehe ich damit um? Andererseits geht es für mich um die Produktion von literarischen Texten. Dazwischen liegt der Umgang des Schreibens mit Kunst, Performance und Projekten unterschiedlichster Art. Über allem steht das Miteinander, die Art und Weise, wie Schreibende und Lehrende interagieren.
Als ausgebildete Schreibpädagogin versuche ich diese Eckpfeiler zu vereinen und an Interessierte (individuell oder in einer Gruppe) weiterzugeben, damit diese ihr eigenes Schreiben entfalten und gegebenenfalls präsentieren können. Der Fokus liegt auf Schreibanregungen, verschiedenen Techniken und konstruktivem Feedback. Dabei entsteht eine Dynamik, die sich wiederum auf die Texte der einzelnen Schreibenden auswirken kann. Spannend, so finde ich. Denn die gleiche Schreibübung liefert in den unterschiedlichen Gruppen oder Settings vollkommen andere Ergebnisse. Du siehst, die Schreibpädagogik setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Gruppendynamiken, Schreibtechniken und -prozesse tragen maßgeblich zur Entwicklung der Schreibenden und Lehrenden bei.
Schreiben und Lesen
Für mich als Schreibpädagogin ist es wichtig, täglich zu schreiben und täglich zu lesen. Ich gestehe, das schaffe ich nicht immer. Vor allem das Lesen kommt bei mir immer wieder zu kurz. Nicht, weil ich mich dagegen sträube, nein. Dummerweise bürde ich mir so viele Tätigkeiten auf, sodass ich abends oft müde ins Bett falle – ohne etwas gelesen zu haben. Hier sehe ich eindeutig Entwicklungspotenzial. Mein Tag beginnt in der Morgendämmerung mit der Versorgung meiner lieben Laufenten. Danach arbeite ich (ziemlich gerne). Abends stehen Aufgaben im Haushalt an, Familie und Freunde, und zum Abschluss versorge ich erneut meine »Entleins«, mit denen ich bewusst Zeit verbringe. Einerseits, um das Vertrauen zwischen Mensch und Tier zu stärken, andererseits, um selbst einen Moment der Stille und Reflexion zu erleben. Denn das funktioniert in der Gesellschaft von Tieren ausgezeichnet. Je nach Jahreszeit und Tageslänge lese ich also mehr (im Winter) oder weniger (im Sommer).
Das Schreiben integriere ich in meine Arbeit. Dazu zähle ich eigene Schreibprojekte, Projekte von Kundinnen und Kunden oder meine Blog-Beiträge, die ich jetzt nach einer viel zu langen Planungsphase mit Freude schreibe.
Meine eigenen Schreibprojekte
Und endlich widme ich mich meinen eigenen Projekten. »Endlich«, da mich seit meiner Kindheit ein gewisser Perfektionismus begleitet und ich das Erledigen und Abarbeiten von alltäglichen Aufgaben bis zur Vollendung optimiert hatte. Doch schließlich konnte ich meinen Fokus von den täglichen Erledigungen – man könnte es auch Hamsterrad nennen – auf Tätigkeiten richten, die mich wirklich voranbringen und mir guttun.
Immer wieder reiche ich Kurzgeschichten bei Literaturzeitschriften und Verlagen ein. Erste Veröffentlichungen sehe ich als Anerkennung meiner Arbeit. Das motiviert. Ideen für eigene Romanprojekte setze ich derzeit Schritt für Schritt um. Ohne Hamsterrad. Ohne Druck. Ich bin sicher, eines Tages werde ich meinen eigenen Roman in den Händen halten.
Schreibworkshops – Das Schreiben in der Gruppe
In den vergangenen Jahren konnte ich einen regelrechten Schreibwissens-Schatz anhäufen. Es gibt (fast*) nichts Schöneres für mich, als dieses Wissen mit anderen zu teilen. Deshalb biete ich Schreibworkshops für Erwachsene und Kinder an. Schau gerne auf meiner Events-Seite vorbei. Dort findest du meine aktuellen Angebote.
Viel Zeit verbringe ich damit, neue Workshops auszutüfteln und geeignete Seminarräume zu finden. Gar nicht so leicht, in einem Dorf mit etwa 3.700 Einwohnern. Kurz vor den Workshops bin ich meistens nervös. Vor anderen zu sprechen, ist immer noch eine kleine Herausforderung für mich. Aber nach einigen Minuten der Anspannung fühle ich mich in meiner Position als Workshop-Leiterin angekommen. Trotzdem freue ich mich bereits jetzt auf Zeiten, in denen ich meine Vorab-Nervosität komplett ablegen werde.
(* Ein langes Wochenende mit lieben Menschen auf einer Alm, ein Strandspaziergang bei Sonnenaufgang, glückliche Tiere.)
Schreibtraining
Für mich ist es naheliegend, dass ich mein Wissen als Schreibpädagogin auch in Einzeltrainings weitergebe. Immer wieder erstelle ich schriftliche Unterlagen zu spezifischen Schreibthemen für meine Kundinnen und Kunden: Figurenentwicklung, Erzählperspektive, Show, dont’t tell, um nur ein paar Themen zu nennen. Eine Zusammenarbeit im Schreibtraining läuft sehr individuell ab. In einem Erstgespräch kläre ich gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden die Wünsche und die etwaigen Herausforderungen. Sollte noch kein Projekt geplant sein, stelle ich zahlreiche Übungen und Techniken des kreativen Schreibens bereit. Immer wieder entstehen daraus neue Projekte. Mit den Tools des kreativen Schreibens ist nahezu alles möglich – sofern der Wille vorhanden ist.
Schreibpädagogik und das Lektorat
Meine Ausbildung als Schreibpädagogin unterstützt meine Arbeit als Lektorin. Der Blick für die wesentlichen Bestandteile eines literarischen Werks tritt durch die Ausbildung deutlicher hervor. Um in Bildern zu sprechen: Der rote Faden, der sich durch einen Text ziehen sollte, ist für mich intensiver, also deutlicher spür- und greifbar. Aber auch die Zusammenarbeit mit meinen Kundinnen und Kunden hat durch die Schreibpädagogik profitiert: Wenn ich eines in meiner Ausbildung gelernt habe, dann ist es, konstruktives Feedback zu geben. Und anzunehmen.
»Lasst uns zusammenarbeiten, uns gegenseitig wertschätzen, aufeinander eingehen. Wenn diese Vorstellung auf Gegenseitigkeit beruhen, so können wir uns begegnen und uns wechselseitig bereichern und befruchten.«
Virginia Satir (Psychotherapeutin, 1916-1988)
Fazit
Mit dem Thema Schreibpädagogik setze ich mich täglich auseinander. Es bereichert mein Leben auf vielen Ebenen. In diesem Artikel habe ich mich hauptsächlich auf jene beruflichen Felder konzentriert, die von meiner Ausbildung profitieren: Mein eigenes Schreiben. Die Arbeit im Lektorat. Die Kommunikation mit Schreibenden. Meine Schreibworkshops und mein Schreibtraining. Die Schreibpädagogik ist in Wahrheit weit über Kategorien wie »beruflich« oder »privat« dehnbar. Sie begleitet mich allgegenwärtig und lässt mich differenzierter auf die großen und kleinen Herausforderungen des Lebens blicken. Denn das Leben an sich ist eine Heldenreise. Immer wieder durchleben wir die 3-Akt-Struktur, und je nachdem, wer unsere Geschichte erzählt, ändert sich die Perspektive. Und somit die gesamte Geschichte.
Buchtipp
Erika Kronabitter, Louise Kienzl, Anja Benning (Hrsg.): Schreibpädagogik. Eine Einführung.
Beltz Juventa. 2026. ISBN 978-3-7799-8940-0. Schreibpädagogik verbindet kreatives Schreiben mit pädagogischen Haltungen. Das Schreiben ist eine kreative Kunstform, die Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zum Leben erweckt. Schreibpädagogisches Schreiben hat gesellschaftliche Relevanz: Menschen stärken ihre (Schreib-)Stimmen, Teilhabe wird ermöglicht und Räume für Reflexion, Dialog und Perspektivwechsel werden geschaffen. Gleichzeitig fördert es die persönliche Entwicklung: Schreibende lernen, sich selbst besser wahrzunehmen, ihre Haltung zu schärfen und ihre Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln. Mit den praktischen Übungen und inspirierenden Impulsen in diesem Buch begleiten wir dich auf deinem Weg als Schreibpädagog:in, damit deine eigenen Texte und die der anderen zum Leuchten kommen.
In diesem Buch findest du auch Textbeispiele von mir.
TEXT Martina Anna Linortner. FOTOS Pamela Kern.
www.martina-anna-linortner.at, www.framebox.at
