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Meine persönliche Schreibreise

Meine persönliche Schreibreise

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Martina Anna Linortner
6 Min. Lesezeit

In meinem ersten Blog-Beitrag möchte ich dich in die Anfänge meines eigenen Schreibens mitnehmen. Bislang weiß ich nicht, wohin mich dieser Artikel führen wird, eines weiß ich jedoch: Die Liebe zum Schreiben verbirgt sich tief in meinem Unterbewusstsein, an einer Stelle, die bisher schwer für mich zugänglich war. Nur selten habe ich mich bewusst hingesetzt und einfach drauflos geschrieben. Ich habe kein Tagebuch geführt, meine Geschichten spielten sich in meinem Kopf ab und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Heute lebe ich vom Schreiben in seinen unterschiedlichsten Formen. Und ich liebe es.

Bild von Schreibblock, Stift und Gänseblümchen

Eine Pflichtübung

Ich habe immer schon geschrieben. Ja. Im deutschsprachigen Raum haben wir alle immer schon geschrieben, auf jeden Fall jene, die die Grundschule besucht haben. Das Schreiben war ein wesentlicher Teil des Alltags. Als Kind zwang mich das Schreiben, stillzusitzen. Es trieb mich von den Wiesen und Wäldern hin auf den unbequemen Stuhl der Leistungsgesellschaft. Die Füllfeder wurde mein elfter Finger, mit dem ich alles aufschrieb, was andere für gut und richtig erachteten. Aufsätze für den Deutschunterricht waren ebenso qualvoll wie Mathematik-Hausübungen. Sie unterdrückten meinen Bewegungsdrang und drängten meine bisherigen Freizeitbeschäftigungen in den Hintergrund. In meinem Kopf verknüpfte ich das Schreiben mit der Schule. Und die Schule machte mir nicht besonders viel Spaß, obwohl ich aufgrund meines Pflichtbewusstseins (besser brav sein, als unnötige Zusatzstunden in der Schule verbringen) immer gute Noten hatte. Für den Deutschunterricht musste ich glücklicherweise kaum etwas lernen.

Diese Art des Schreibens begleitete mich bis ins Studium, wobei der Stift allmählich von der Tastatur und der Maus verdrängt wurde und im Berufsleben weiter an Bedeutung verlor. Ich kam nie auf die Idee, in meiner Freizeit Geschichten aufzuschreiben, denn schreiben bedeutete »müssen« (Schule und stillsitzen).

Die Geschichten der anderen

Wenn ich mich in meiner Freizeit nach Geschichten sehnte, lag ich auf dem Sofa und tauchte in die Werke anderer ein. Ich verschlang Bücher wie »Ronja Räubertochter« (Astrid Lindgren), »Der Herr der Ringe« (J. R. R. Tolkien), »Märchenmond« (Wolfgang und Heike Hohlbein) oder »Die unendliche Geschichte« (Michael Ende). Später las ich mich quer durch alle Genres. Den Liebesroman fand ich eher langweilig. Das hat sich bis heute nicht geändert. Gleichzeitig entdeckte ich den Film: »Star Wars« (George Lucas), »Big Fish« (Tim Burton), »I’m Not There« (Todd Haynes) oder »Grand Budapest Hotel« (Wes Anderson), um nur vier meiner liebsten Filme zu nennen. Beim Schauen von Serien und Filmen tauchte immer häufiger ein Problem auf. Ich wusste meistens vorab, wie eine Geschichte enden würde. Einerseits war das eine spannende Beobachtung, andererseits verlor die Geschichte dadurch für mich an Spannung. Heute sitze ich nur noch selten vor dem Fernseher, denn ich verbringe meine Freizeit lieber draußen, manchmal auch schreibend.

Die qualvolle Suche nach meiner Kreativität

Schule und Studium waren für mich Abschnitte, die erledigt werden mussten. Für den Beruf war es obligatorisch, gut vorbereitet zu sein – ansonst wird man nichts. Im Grunde wusste ich nie, was ich mal werden wollte. Ich habe Entscheidungen getroffen, die mir plausibel erschienen. Die Zeit war knapp, und ich hatte abfällige Geschichten über Menschen gehört, die sich eine Auszeit genommen hatten. Ich musste also etwas tun.

Für meinen ersten Job als Tontechnikerin zog ich nach Deutschland, nicht weil ich wollte, sondern weil ich dort Arbeit fand. Die Tätigkeit war aufregend, ich habe viel gelernt, die Menschen waren sympathisch, doch nach zwei bis drei Jahren bemerkte ich, dass mir etwas fehlte. Ich dachte, es sei Heimweh. Nach viereinhalb Jahren nahm ich eine neue Stelle als Systemtechnikerin in Wien an. Die Arbeit forderte und erschöpfte mich zugleich. Relativ schnell suchte ich nach einer neuen Stelle, fand jedoch nichts.

In meiner Verzweiflung inskribierte ich an der Universität Wien und begann nebenberuflich ein geisteswissenschaftliches Studium: Skandinavistik. Trotz der enormen Anstrengung liebte ich es – bis mich ein schwerer Sportunfall bremste. Mit Ach und Krach schloss ich das Bachelorstudium ab, zog in eine kleine Wohnung, aus der ich jederzeit und ohne Kündigungsfrist ausziehen konnte und siedelte allmählich mein Hab und Gut zurück in meine Heimat am Wolfgangsee. Nach sechseinhalb Jahren in Wien fand ich einen IT-Job in Salzburg.

In dieser Zeit entdeckte ich das kreative Schreiben. Ich hatte erkannt, dass mich meine berufliche Tätigkeit nicht erfüllte, sondern erschöpfte. Ich beschäftigte mich mit Fachliteratur und unternahm selbst erste Schreibversuche (die ich nie abschloss). Gleichzeitig bewarb ich mich für kreative Schreib-Jobs bei unterschiedlichen Firmen. Immerhin hatte ich jetzt zumindest einen Bachelor in Skandinavistik in der Tasche. Der Erfolg blieb aus. Nach drei Jahren trat ich eine neue Stelle als Systemtechnikerin in Salzburg an. Schlimmer kann die Tätigkeit nicht werden, aber sie ist besser bezahlt, dachte ich damals. Ich hatte recht und war trotz des netten Miteinanders unter den Kolleginnen und Kollegen unglücklich. Das Leben zeigte mir eindeutig, dass ich den falschen Beruf gewählt hatte.

Meine Urlaube verbrachte ich oft damit, neue Berufsfelder zu erkunden. Ich lernte Tiffany-Glaskunst im Selbststudium, besuchte Schreibworkshops, beschäftigte mich mit Spiritualität und machte ein Schnupperpraktikum als Tierpflegerin. Es dauerte weitere sechs Jahre, bis ich mir zutraute, ohne Sicherheitsleine meine Anstellung zu kündigen und eine neue Karriere in der Selbstständigkeit aufzubauen: als freie Lektorin, Korrektorin, Schreibpädagogin und Autorin.

Eine Gabe: Segen und Fluch zugleich

In meiner Ausbildung zur Schreibpädagogin lernte ich mein kreatives Kopfkino zum ersten Mal bewusst kennen. Mein Kopf greift rasend schnell auf unglaubliche Bilder und Szenen zu. Ich sehe Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe; Drachen, die über Fjorde fliegen; Ameisen, die sich durch das Dickicht eines Rasens kämpfen; Könige, die schweren Herzens ihre Rüstung anlegen; Jugendliche, die im Stile von Parkour durch Städte rennen. Und das alles in Welten, die mir als Mensch vollkommen fremd sind. Das sind großartige Voraussetzungen, um Romane zu schreiben.

Allerdings rasen die Szenen dermaßen schnell und unzusammenhängend durch meinen Kopf, dass ich mit dem Schreiben nicht hinterherkomme und zum Schluss nur wirre Abläufe vor mir sehe, die schwer zu ordnen sind. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit war das ein Problem. Mittlerweile habe ich jedoch Techniken entwickelt, um den Gedankenstrom zu ordnen: Meditation, Atemtechniken und automatisches Schreiben helfen mir dabei. Einfach, oder?

Wenn der Verstand endlich schweigt

Heute nutze ich das automatische Schreiben immer wieder. Nicht nur, um mein Kopfkino zu ordnen, sondern auch, um mit Situationen oder Gefühlen besser zurechtzukommen. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit bewältigte ich mithilfe dieser Technik Ängste und Unsicherheiten. Ich setzte mich hin, nahm einen Stoß loser Zettel und einen Stift und schrieb ohne Unterbrechung alles auf, was mir in den Sinn kam – ohne Zensur, ohne stilistische oder sprachliche Anforderungen. Die Themen flossen aus mir heraus und fühlten sich danach leichter an. Ich fand weitere Schritte und Lösungen für meinen Weg – Schritt für Schritt.

Das automatische Schreiben ist für fast alle Lebensbereiche geeignet. Hier meine drei wichtigsten Anwendungsbereiche: Neue Projekte plotten, Ängste entkräften, Problemlösungen finden.

Bild für Blog „Meine persönliche Schreibreise“.

Fazit

Viele Kinder wissen schon sehr früh, was sie einmal werden wollen. Ich wusste das nicht. Ich hatte keinen Wunschberuf, keinen Traumberuf. Vielleicht ging es bei mir um die »Wunschlebensweise«. Ein Ort, an dem ich mich wohlfühle. Eine flexible Zeiteinteilung. Die Möglichkeit zur Veränderung. Wenn ich heute auf mein Berufsleben als Angestellte zurückschaue, ignorierte ich damals diese Bedürfnisse. Ich zog an Orte, die mir als naturverbundenen Menschen nicht entsprachen. Ich unterwarf mich Strukturen, die mir nicht lagen. Beruflich sah ich keine Möglichkeit zur Veränderung.

Das Schreiben ermöglicht mir jetzt all das. Ich kann unendlich viele Themenbereiche unter einen Hut bringen. Ich kann selbst entscheiden, worüber ich schreibe, wie ich schreibe, wie tief ich in eine Thematik eintauche und wie strikt ich mich an der »Wahrheit« orientiere, oder ob ich doch lieber ins Reich der Fantasie abtauche. Schreibort und Schreibzeit sind unerheblich. Gleichzeitig habe ich als Schreibpädagogin, Lektorin und Korrektorin das strukturelle, stilistische und sprachliche Wissen, um eine Geschichte zu verfeinern und lesbarer zu gestalten. Dafür bin ich dankbar.

Für mich gehört das Schreiben zu den schönsten und heilsamsten Tätigkeiten in meinem Leben. Und auch wenn das Leben als Schreiberling manchmal hart ist (Selbstständige Berufsschreiber wissen, wovon ich spreche), bereue ich nichts.

Buchtipp
Bild für Buchtipp Julia Cameron - Der Weg des Künstlers

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers.

Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität. Knaur.Leben. Neuausgabe 2019. In Julia Camerons 12-Wochen-Programm lernst du, all die Hindernisse – Ängste, Schuldgefühle, Abhängigkeiten und ein negatives Selbstimage – beiseitezuräumen, die der Freisetzung deiner Kreativität im Wege stehen. (Buchrückentext)

Es war eines der vielen Bücher, die mich auf meinem Weg unterstützt haben.

TEXT Martina Anna Linortner. FOTOS Martina Anna Linortner

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